Der Zwerg von Muri
Oberhalb des Klosterhofes Muri bewirtschafteten Sennen die gros
sen, fetten Weiden des Habsburger Klosters. Oftmals staunten sie,
wenn vom Klosterturm her das silbern klingende Matutin-Glöck
lein den frühen Morgengruss einläutete und sie ihre Tagesarbeit
mit der Fütterung der Tiere beginnen wollten, denn im Stall war alles wohl gerüstet. Die Morgenmilch schäumte in den blanken Kübeln, Trichter und Richter hingen fein geputzt an der Wand und der Boden war von Stroh und Heufutter gereinigt. Wer hatte die Früharbeit so meisterlich getan? Diesen willkommenen Helfer wollte man doch kennen lernen und darum stellten die Sennen nächtliche Wachen auf und diese Späher sahen ein kleines Männchen durch das schmale Futterloch in den Stall schlüpfen und in der morgendlichen Stille alle Arbeiten blitzschnell verrichten, um dann flugs zu verschwinden.
Die glücklichen Sennen wollten dem kleinen, armselig gekleideten
Helfer danken und liessen beim Dorfschneider in der Egg ein hüb
sches, farbiges Wämslein, bunte Hosen und ein Lederkäppchen rüs-
ten und legten die kleidsamen Geschenke vor einen Stallspiegel hin.
Der Zwerg kam, sah die Gaben, wechselte sein geflicktes Gewand
und schlüpfte in das neue, köstliche Gewand. Im Spiegel beguckte
er sich in seiner Pracht und Herrlichkeit und rief voll Entzücken
aus: «Jetzt bin ich ein Herr, jetzt bin ich kein Senn, kein Knechtlein
mehr». So jubelte er, verschwand durch das schmale Futterloch und
ward nie mehr gesehen.

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